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Kanüle aus Ibbenbüren für Medizintechnik-Preis vorgesehen

Team um Professor Fischer rettet Leben dank künstlichem Gasaustauschsystem (ECMO)

Ibbenbüren. Am Samstag wird Prof. Dr. Stefan Fischer auf dem Weg nach Lissabon sein zur Jahreskonferenz der Europäischen Gesellschaft für Thoraxchirurgie, die Nominierung für den Grillo-Preis im Gepäck. Diesen Preis seiner Fachkollegen könnte er in der Kategorie „Innovative Techniken“ für das Konzept rund um eine spezielle Kanüle erhalten, das der Chefarzt der Thoraxchirurgie und Lungenunterstützung am Klinikum Ibbenbüren klinisch erprobt und modifiziert hat. Eingesetzt wird die Kanüle im ECMO-Verfahren. Bei der „extra-korporalen Membran-Oxygenierung“ wird das Blut eines Patienten in der Leiste über einen Gefäßkatheter aus der Beinvene gepumpt. Außerhalb des Körpers versetzt ein künstliches Lungensystem es mit Sauerstoff und entzieht ihm gleichzeitig Kohlendioxid. Anschließend wird das Blut an der Halsvene dem Körper wieder zugeführt. So wird der Patient mit Sauerstoff versorgt, während seine Lunge diese Aufgabe nicht mehr ausreichend übernehmen kann und eine Beatmung unmöglich oder zusätzlich schädigend wäre.Dadurch überbrückt die ECMO die Heilungszeit der Lunge z. B. bei akutem Lungenversagen (ARDS), bei einer schweren Lungenverletzung oder bei einem Infekt bei Lungenemphysem aufgrund einer „Raucherlunge“ (COPD). Da der Patient dank der ECMO während der Heilungszeit wach ist, kann er sie durch Atemübungen unterstützen sowie essen, reden und mitentscheiden. „Wir befassen uns jedoch nicht nur mit der Akutphase des Lungenversagens“, sagt Fischer, „sondern auch damit, was aus dem Patienten wird.“ Deswegen nimmt sein Team an einer Studie der Universität Regensburg teil, die sich mit der Lebensqualität nach überstandenem ARDS. 1.200 Patienten sind bisher erfasst, 2.000 sollen es werden. Neben der Heilungsunterstützung hat die ECMO zwei weitere Einsatzgebiete: Sie kann die Lunge ersetzen während der Wartezeit auf eine Lungentransplantation oder während der Operation eines komplizierten Lungentumors.

Auf diesem letztgenannten Einsatzgebiet der ECMO ist Fischers Team weltweit vorn. „Mithilfe der ECMO muss die OP nicht unterbrochen werden, wenn die Gasaustauschleistung der nicht operierten Lungensegmente nicht ausreicht“, erklärt Fischer. Hier übernimmt die ECMO als ein künstliches Lungensystem außerhalb des Körpers die Funktion der Lunge. „Das ist schonender und sicherer für den Patienten und erleichtert Chirurg und Anästhesist die Operation“, nennt Fischer den großen Vorteil. Beim operationsbegleitenden Einsatz der ECMO kommt auch die neue Kanüle zum Einsatz: Sie führt das Blut an der Leiste aus der Vene und nach der Sauerstoffanreicherung über denselben Katheter in die Vene zurück. „Das Verfahren ist wesentlich simpler in der Anwendung und die Halsvene bleibt verschont“, sagt Fischer. „Wir sind stolz, dass unser neues Operations-Konzept mittels der Kanüle auf europäischer Ebene als preiswürdig betrachtet wird.“ Das Klinikum Ibbenbüren ist eine von knapp 70 Kliniken in Deutschland, die das gesamte ECMO-Leistungsspektrum vorhalten. In enger Zusammenarbeit mit den Chefärzten der Intensivstation und der Beatmungsmedizin, Dr. Stephan Ziegeler und Dr. Nicolas J. Dickgreber, setzt Fischer die ECMO regelmäßig ein. „Wir therapieren, stabilisieren und überbrücken Patienten, die ansonsten aufgrund eines Lungenversagens sterben würden“, sagt Fischer. „Kann eine Einrichtung einen Patienten wegen schwerer Lungenschädigung nicht ohne ECMO behandeln, bieten wir unsere Kopperation an“, sagt Fischer. Per Krankenwagen oder Hubschrauber transportiert sein Team die ECMO in andere Kliniken. Auch Transplantationsanwärter aus dem Umkreis des Klinikums Ibbenbüren, deren Zustand sich dramatisch verschlechtert, können im Klinikum per ECMO überbrückt und beizeitenns Transplantationszentrum gebracht werden. „Das haben wir in der Vergangenheit bereits erfolgreich durchgeführt“, sagt Fischer.

Prof. Dr. M. Sc. Stefan Fischer

Seit 15 Jahren forscht und behandelt Prof. Dr. M. Sc. Stefan Fischer mit Gasaustauschsystemen. Am Toronto General Hospital etablierte er das erste klinische Programm zur Anwendung künstlicher Lungensysteme in Nordamerika. An der Medizinischen Hochschule in Hannover übernahm er die Leitung für Thoraxchirurgie und Lungenunterstützung und entwickelte künstliche Gasaustausch-Membranen, deren Oberfläche er mit Zellen aus der Innenschicht von Lungenblutgefäßen besetzte (Biohybrid-Lunge). So werden Entzündungsreaktionen im Körper auf die künstliche Gasaustausch-Membran sowie die Zerstörung von Blutzellen auf der künstlichen Oberfläche reduziert, die entstehen, wenn Blut während der Langzeit-Beatmung über körperfremde Oberflächen fließt. Seit 2010 ist Fischer am Klinikum Ibbenbüren als Chefarzt der Klinik für Thoraxchirurgie und Lungenunterstützung tätig mit dem Schwerpunkt Lungentumoren und Lungenemphyseme. Sein Team ist in verschiedenen Expertenteams international etabliert. Je nach Erkrankung nutzt Fischers Team verschiedene Anschlussarten der ECMO: Für die beschriebenen Szenarien ist der veno-venöse Katheter Standard. Ist die Lunge des Patienten noch zum Gasaustausch fähig, aber die Atemmuskulatur zu geschwächt, um die Lunge ausreichend zu bewegen (z. B. bei Mukoviszidose), schließt er die ECMO ohne Pumpe an die Arterie an und nutzt die Kraft des Herzens, um das angereicherte Blut wieder in eine Vene zurückzuführen (arterio-venös). Ist zusätzlich zur Lunge das Herz geschwächt, entnimmt die ECMO aus der Vene das sauerstoffarme Blut, reichert es an und führt es über die Pumpe über eine Arterie zurück, wobei die Pumpe die Aktivität des Herzens unterstützt (veno-arteriell). So hilft die ECMO auch als Herzunterstützung bei Herzstillständen, Herzversagen oder Herzmuskelentzündungen.

Gazastreifen am 29. Juli 2014:

Bei dem massiven Angriff führt die israelische Armee die heftigste Attacke seit Beginn der Militäroffensive durch.

Der siebenjährige Mohammed Albattsh versucht, mit seiner zwölfjährigen Schwester und seiner Tante den Granateinschlägen zu entkommen. Beide sterben bei dem Angriff. Mohammed überlebt schwer verletzt. Einen Granatsplitter am Ellenbogen können Ärzte vor Ort notfallmäßig entfernen, für einen weiteren, der direkt auf der Lungenarterie sitzt, ist die dortige medizinische Versorgung nicht ausgelegt. Die Gaza-Blockade lässt auch die Einfuhr der für diese Operation notwendigen Gerätschaften nicht zu.   Mohammeds Onkel, Dr. Msleh Batesh, ebenfalls Palästinenser, ist seit fast zwei Jahren am Klinikum Ibbenbüren als Facharzt für Chirurgie beschäftigt. Seine Mutter, Mohammeds Tante, versucht vergeblich, seinen Neffen und seine Nichte unversehrt aus dem Bombardement zu retten, und kommt dabei ums Leben.   Dr. Batesh bittet um Hilfe – und ermöglicht seinem Neffen nach nunmehr knapp zehn Monaten die schwierige Ausreise aus dem Krisengebiet.Die Organisation Hammer Forum e.V. übernimmt sowohl die Kosten für das Flugticket als auch die Bürgschaft für den Jungen; das Klinikum Ibbenbüren, erklärt sich bereit, den kleinen Mohammed kostenlos zu behandeln.   Der Granatsplitter, der für den kleinen Mohammed eine lebensbedrohliche Verletzung darstellte, wurde vom Chefarzt der Abteilung für Thoraxchirurgie und Lungenunterstützung, Prof. Dr. med. M. Sc. Stefan Fischer in einer zweistündigen Operation entfernt.

Der Fachmann, der mittlerweile auch als internationaler Experte auf dem Gebiet der heiklen und äußerst schwierigen Thorax-Eingriffe gehandelt wird und seine exzellente Ausbildung an einem der weltweit führenden thoraxchirurgischen Institute in Toronto, Kanada, genoss, beurteilte die Situation als äußerst bedrohlich: „Der Granatsplitter saß in den äußeren Wandschichten der linken Lungenschlagader. Diese Fremdkörper sind messerscharf und können wandern. Es waren bereits diverse frische Einblutungen während der Operation sichtbar. Wäre der Splitter auch nur einen Millimeter weiter gewandert, wäre die Lungenschlagader zerrissen worden“, so Prof. Dr. Fischer. Mohammed Albattsh ist mittlerweile schon wieder auf den Beinen und verlässt bald das Krankenhaus, um sich bei seiner Tante und seinem Onkel in Münster zu erholen. Danach kehrt er zu seinen Eltern und seinen Geschwistern nach Gaza zurück. „Darauf freut er sich schon“, sagt sein Onkel.

Dank des Eingriffs kann Mohammed wieder spielen und toben. „Er ist sehr lebhaft“, sagt sein Onkel. „In Gaza spielt er Fußball auf der Straße, seine Freunde und er basteln sich Bälle aus alten Socken. Bei uns springt er am liebsten Trampolin und fährt Rad.“ Die Lebensfreude verdeckt allerdings das Kriegstrauma, das Mohammed mit unzähligen anderen Kindern in Kriegsgebieten teilt: „Wenn meine Kinder sich freuen, wenn der Hubschrauber vom Uniklinikum über unser Haus fliegt, bekommt Mohammed Panikattacken, weil er einen Luftangriff fürchtet“, sagt sein Onkel. Er hofft auf Frieden für seine Familie in Gaza – doch bis es soweit ist, bittet er alle Menschen, die etwas dafür tun können, verletzten Kinder aus Gaza nach Deutschland zu holen, um die dort unmöglichen Operationen und Behandlungen hier durchzuführen.